Kommentar zur Zeit vom 14. Januar 2021

Der Tod – «Machsal» und Schicksal

Die Todes­ur­sachen­statistik des BAG er­fasst unter den ICD-10-Kodes X60–X84 nicht­assistierte Sui­zide als «vor­sätzliche Selbst­be­schädigung». In 50 Prozent der Fälle er­fol­gen An­ga­ben zu Be­gleit­krank­heiten (z. B. De­pres­sion). Dem­ge­gen­über er­scheinen as­sis­tierte Sui­zide in der Todes­ur­sachen­sta­tistik als «Be­gleit­um­stand des Todes­falls». Ein Tod durch Sui­zid ohne Bei­hilfe wird dem­nach als ur­säch­lich an­ge­se­hen, der as­sis­tierte Sui­zid nicht. Bei einer Wer­tung der Sui­zid­as­sis­tenz als Be­gleit­um­stand geht man im­plizit da­von aus, dass die Selbst­tötung im Zu­sammen­hang mit einer un­heil­baren und in ab­seh­barer Zeit zum Tode füh­renden Er­kran­kung er­folgt ist. Die Suizid­bei­hilfe wird so als «Hilfe beim Ster­ben» und nicht als «Hilfe zum Ster­ben» be­trach­tet. «Hilfe beim Sterben» umfasst in der Schweiz so­wohl die «passive Sterbehilfe», bei welcher le­bens­er­hal­tende Mass­nahmen unter­las­sen wer­den, als auch die «indirekt aktive Sterbehilfe», wenn lebens­er­hal­tende Mass­nahmen ab­ge­brochen oder Medi­kamente mit le­bens­ver­kür­zender Wir­kung ge­gen die Schmerzen ab­ge­ge­ben wer­den.

Bei der passiven Sterbe­hilfe und der indirekt aktiven Sterbe­hilfe soll der Sterbende von le­bens­er­hal­ten­den Mass­nahmen ver­schont, aber nicht ge­tötet wer­den. Eine Tötung wird dabei als eine mo­ra­lisch anders zu be­wer­tende Hand­lung an­ge­sehen. So wird auch das Unter­las­sen von le­bens­er­hal­ten­den Mass­nahmen ausser­halb von Sterbe­si­tua­tio­nen als «fahr­läs­sige Tö­tung» qua­li­fi­ziert, z. B., wenn wir ein Kind in der Bade­wanne er­trin­ken las­sen, ob­wohl wir seinen Tod hät­ten ver­hin­dern können. Ver­meid­bares Ster­ben ist fahrlässige Tötung, aktives Helfen bei einem un­auf­halt­samen Sterbe­prozess hin­gegen «in­direkt aktive Sterbe­hilfe». Kann der Tod eines Men­schen nach mensch­lichem Er­messen trotz lebens­er­haltender Mass­nahmen nicht mehr auf­ge­halten werden oder tritt er über­raschend ein, so ist er «Schick­sal», in allen anderen Si­tua­tio­nen «Mach­sal», wie Odo Mar­quard die bei­den Be­griffe tref­fend unter­schieden hat, d. h. von uns selbst ver­ur­sacht bzw. mit­ver­ur­sacht und des­halb mora­lisch zu ver­ant­worten.

Die Straf­freiheit der passiven Sterbehilfe und der indirekt aktiven Sterbehilfe angesichts unaufhaltsamen Sterbens und angesichts des Todes basiert auf dieser Annahme schicksalhaften Versterbens. Doch auch die «Hilfe beim Sterben» wird durch den Autonomieanspruch des Patienten und die Einforderungsverbote begrenzt. So kann der Sterbende alle medizinischen Mass­nahmen ablehnen, Be­handlungs­ab­bruch und Be­hand­lungs­ver­zicht gelten in diesem Fall nicht als fahr­lässige Tötung. Er kann aber weder le­bens­ver­län­gernde Mass­nahmen, die nur den Sterbe­pro­zess ver­län­gern würden, noch Tö­tungs­hand­lungen als vor­sätz­liche Selbst­schä­digung in Form von aktiver Sterbe­hilfe oder Suizid­bei­hilfe ein­for­dern. In der Schweiz ist die aktive Sterbe­hilfe ver­bo­ten, die Suizid­bei­hilfe hin­gegen straf­frei, so­fern der Sterbe­wil­lige ur­teils­fähig ist, die Suizid­hand­lung selber aus­ge­führt und diese frei­willig und ohne Druck ge­schieht. Diese Grenz­ziehung wird immer wieder mit dem Argument des An­spruchs des In­di­vi­duums auf Selbst­be­stimmung kri­ti­siert und ein Recht auf (Selbst-)Tö­tung ge­for­dert. Die Kern­frage dabei ist, ob die Tötungs­handlung als Be­schleu­nigung des Sterbe­pro­zesses vom Staat ein­ge­fordert werden können soll oder nicht. Bejaht man dies, stellt das Töten keine be­son­dere Hand­lung mehr dar. An­ge­sichts der Ster­blich­keit des In­di­vi­duums stellt sich dann so­gar die Frage, ob der ur­teils­fähige Mensch seine Tö­tung nicht ge­ne­rell soll ein­for­dern dür­fen, sofern er dies frei­willig tut.

Das Abwehr­recht des In­di­vi­duums ge­gen­über staat­lichen Mass­nahmen ist in An­be­tracht seiner Men­schen­würde – ausser bei einer Fremd­ge­fähr­dung – höher zu ge­wich­ten als der Lebens­schutz. Die Frei­heit zur Selbst­schä­digung, er­folge diese nun vor­sätzlich oder nicht, stellt ein wichtiges Freiheits­gut des ur­teils­fähigen Men­schen dar, un­ab­hän­gig da­von, ob er ge­sund oder sterbens­krank ist. Da­hin­ter steht das Ab­wehr­recht ge­gen­über einem über­mäch­tigen Staat. In­di­vi­dual­ethisch lässt sich des­halb ein Ver­bot der un­eigen­nüt­zigen und frei­wil­ligen Suizid­bei­hilfe in einer pluralistischen Ge­sell­schaft nicht be­grün­den, was aber nicht heisst, dass Suizid­bei­hilfe oder aktive Ster­be­hilfe vom Staat ein­ge­for­dert wer­den kön­nen sollen. Dieser unter­liegt einem Tötungs­ver­bot gegenüber der Be­völ­kerung, dem zum Schutz von schwachen und vul­ne­rab­len Men­schen in einer Ge­sell­schaft uni­ver­selle Gül­tig­keit zu­kommt. In der Folge können in der Schweiz selbst Ster­bende vom Staat keine aktive Sterbe­hilfe und keine Suizid­bei­hilfe ver­langen und ist die Todes­strafe unter­sagt. In­sofern er­scheint die Klas­si­fi­zie­rung der Suizid­bei­hilfe als «Begleit­um­stand» als mit den herr­schen­den gesell­schaftlichen Wert­vor­stel­lungen nicht ve­rein­bar. Diese gründen in dem Fall in der trau­rigen Er­fah­rung, dass der Mensch mit einer Tö­tungs­option nicht umgehen kann und diese stets zur eigenen Macht­er­weiterung miss­braucht hat und ihr eine in­hä­rente Ten­denz zur Aus­weitung inne­wohnt. Diese zeigt sich auch bei der Suizid­bei­hilfe: Längst geht es dabei nicht mehr nur um eine «Hilfe beim Sterben», sondern auch um die «Hilfe zum Sterben» für das seines Lebens über­drüssig ge­wor­dene In­di­vi­duum. So hat sich zwischen 2010 und 2018 die Zahl der Men­schen, die mit Suizid­bei­hilfe ge­storb­en sind, ver­drei­facht.

An­ge­sichts dessen hat Dialog Ethik ein neues Po­sitions­papier aus sozial­ethischer Per­spek­tive für den Um­gang mit Suizid­bei­hilfe und Sterbe­fasten ge­schaf­fen. Dem Staat kommt die Auf­gabe zu, das Leben des Men­schen zu schüt­zen und diesen vor Ve­rein­nahmung und sozia­len Zwängen zu be­wah­ren. Wir plä­dieren darum für ein Ver­bot der Werbung für Suizid­bei­hilfe. Menschen sol­len nicht zum Suizid an­ge­regt werden dürfen. Es stimmt nach­denklich, dass von den über 85-Jährigen heute etwa gleich viele durch einen Suizid wie an einer nicht mehr heil­baren Krank­heit sterben.

Es geht darum, ob das In­di­vi­duum seinen Tod als Schick­sal an­nehmen muss oder diesen hinaus­schieben kann und hinaus­schieben will. In jedem Fall aber ist es acht­sam und seiner Menschen­würde gemäss im Leben und im Ster­ben zu be­glei­ten. Jede Form des Suizids, auch der as­sis­tierte, stellt nicht nur einen «Begleit­um­stand eines Todes­falls» dar. Diese Aus­drucks­weise banalisiert die as­sis­tierte Selbst­tötung. Eine Tötung ist die stärkste Form mensch­licher Mach­sal ge­gen­über ande­ren Men­schen und auch sich selbst ge­gen­über. Da­hinter steht die Il­lu­sion, dem Schick­sals­haften des mensch­lichen Lebens ent­rinnen zu kön­nen. Wird in einer Ge­sell­schaft die Tö­tung zu einer normalen Hand­lung neben anderen, wird er­fah­rungs­ge­mäss pa­ra­doxer­weise die Mach­sal der Starken zum Schick­sal der Schwachen. 

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Dr. theol. Ruth Bau­mann-Hölzle
Institutsleiterin

 

 

 

 

 

 

 

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Aktuell

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Seminarreihe am Samstag:

«Die Besichtigung der Liebe – ein kritischer Reisebericht»

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Literatur und Philosophie 2021

Das Thema der nächs­ten Se­mi­nar­reihe am Samstag lau­tet: «Die Be­sich­ti­gung der Lie­be – ein kri­ti­scher Rei­se­be­richt». Sie wird von Prof. Dr. Jean-Pierre Wils ge­lei­tet und an fol­gen­den Sams­ta­gen von 9.30 bis 15.30 Uhr statt­fin­den: 20. Fe­bru­ar, 24. April, 26. Juni, 25. Sep­tem­ber und 27. No­vem­ber 2021. Das Sams­tags­se­mi­nar ist nur als Gan­zes buch­bar. Wei­te­re In­for­ma­ti­o­nen und das An­mel­de­for­mu­lar fin­den Sie auf die­sem Flyer (aus­füll­ba­re PDF-Da­tei) und dieser Web­site.

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  • Sui­zid und Bei­hil­fe zum Sui­zid im Span­nungs­feld von Recht, Ge­sell­schaft, Me­di­zin und Ethik – um diese The­men geht es in der dieser Aus­gabe des Ma­ga­zins «Thema im Fokus», das wir Ihnen herz­lich zur Lek­türe emp­feh­len.

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    (Nr. 147, 15. März 2021):
    «Verfahren zur Zulassung von Medikamenten und Impfstoffen»

    Neues Positionspapier

    Positionspapier Sterbehilfe Cover Rahmen small

    Sozialethische Überlegungen zum Umgang mit Sterben und Tod
    Acht Thesen und Forderungen für den Umgang mit Suizid und Suizid­beihilfe
    von Stiftung Dialog Ethik (Hrsg.)

    Dia­log Ethik setzt sich mit die­sem neuen Posi­tions­pa­pier für eine hu­ma­ne Ster­be­kul­tur im Sin­ne von pro­fes­sio­nel­ler Pal­lia­tive Care ein. Fo­kus­siert wird da­rin schwer­punkt­mäs­sig auf den ge­sell­schaft­li­chen Um­gang mit der Sui­zid­bei­hilfe aus einer so­zi­al­ethi­schen Per­spek­ti­ve. Es wird auch der Frage nach­ge­gan­gen, ob es Ge­fäng­nis­in­sas­sen mög­lich sein soll, mit Sui­zid­bei­hilfe aus dem Le­ben zu schei­den.

    Sie kön­nen das neue Po­si­tions­pa­pier als PDF-Do­ku­ment in un­se­rem Web­shop be­stel­len.

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    Die Zeitschrift Thema im Fokus rich­tet sich an Fach­per­so­nen aus dem Ge­sund­heits- und So­zial­we­sen und al­le an ethi­schen Fra­gen in un­se­rer Ge­sell­schaft In­te­res­sier­ten. Sie wid­met sich ethi­schen Fra­gen im Ge­sund­heits­we­sen und in der Zi­vil­ge­sell­schaft.

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Corona-Situation

Medien­mit­teilung vom 9.12.2020

pdf Gemeinsame Medien­mit­teilung des Ambulatoriums Aarau (Klinik Schützen Rhein­felden) und der Stiftung Dialog Ethik zum «Aktions­tag Psychische Gesund­heit in der Schweiz» (249 KB)

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Medien­mit­teilung vom 10.11.2020

Inclusion Handicap

«Men­schen mit Be­hin­de­run­gen aus in­ten­siv­me­di­zi­ni­schen Be­hand­lun­gen aus­ge­schlos­sen»

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