Die Welt von Gestern – Erinnerungen eines Europäers

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In seiner Autobiografie schildert Zweig, der in einer gutbürgerlichen jüdischen Familie in Wien aufwuchs, von seiner sorglosen Kinder- und Jugendzeit, von dem trügerischen Sicherheitsgefühl vor dem Ersten Weltkrieg, dem kulturellen Leben in Wien (das Burgtheater war wichtiger als die Politik), seinen zahlreichen Reisen in Europa und nach Amerika ohne Pass und Fingerabdruck. Er erzählt von einer Gesellschaft, welche die strengen Sitten hinterfragt und sich neue Freiheiten erkämpfte («die Frauen warfen die Korsetts weg»), von dem Fortschrittsoptimismus, dem festen Glauben in die Naturwissenschaften und in die Technik. Er erzählt von seinen ersten Texten, seinem Erfolg, seiner Berühmtheit. 

Und dann folgt der Bruch: Stefan Zweig gehört zu jener Generation, welche die grössten Kriege im 20. Jahrhundert erlebten, den Ersten und Zweiten Weltkrieg. Als Jude musste er in den 1930er Jahren emigrieren, er floh zuerst nach London, dann nach Brasilien, wo er sein berühmtestes Werk «Schachnovelle» schrieb. In seiner Autobiografie beschreibt er – und das macht das Buch unheimlich aktuell –, wie sich die Kriege anbahnten, wie es «die dunklen, die unbewussten Urtriebe und Instinkte des Menschtiers nach oben riss, – das was Freud tiefsehend <die Unlust an der Kultur> nannte, das Verlangen, einmal aus der bürgerlichen Welt der Gesetze und Paragraphen auszubrechen und die uralten Blutinstinkte auszutoben». Er beschreibt die «Massenleidenschaft» für den Krieg, den Ersten Weltkrieg. Er beschreibt, wie die Warner von der Masse niedergeschrien wurden, als «Schwache» und «Ängstliche» diffamiert, und wie vor dem Zweiten Weltkrieg sich zuerst die Sprache änderte, gröber und «ordinär» wurde, in der Politik und in den Medien nicht mehr zwischen Fakten und Lüge unterschieden wurde, die Masse jenem folgte, der ihr «Ordnung» versprach und das Recht plötzlich nichts mehr galt. «Verankert in unseren Anschauungen des Rechts, glaubten wir an die Existenz eines deutschen, eines europäischen, eines Weltgewissens (…).» Stefan Zweig hat selbst «nicht einen Tausendstel dessen für möglich gehalten», was dann hereinbrechen sollte.  

Zweig hat sich bewusst immer aus der Politik herausgehalten, er hat seine berühmte Stimme nicht gegen Ungerechtigkeiten erhoben, er wollte seine Ruhe haben, was die Philosophin Hannah Arendt, auch eine Jüdin, die auch vor dem Nationalsozialismus fliehen musste, nach der Publikation seiner Autobiografie in einem Essay scharf kritisierte.    

Gelesen von: Denise Battaglia

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