Kommentar zur Zeit vom 3. Juli 2019

Frauenfrage und Sorgekultur

Frauen haben heute die gleichen Rechte wie die Männer, sind also in der Schweiz vor dem Gesetz gleich – eine nicht selbstverständliche Errungenschaft, wie gerade die Geschichte des Schweizer Stimmrechts für Frauen zeigt. Trotzdem zeigen zahlreiche Statistiken mit wissenschaftlichem An-spruch: Frauen werden nach wie vor diskriminiert, sei dies beim Lohn, bei Berufen, in denen meist Frauen tätig sind, der Rollenverteilung in der Familie, der medizinischen Behandlung und Betreuung usw.

Damit klaffen Gesetz und gesellschaftliche Realität weit auseinander. Denn Werte und Lebenseinstel-lungen prägen unser Handeln, so dass selbst Gesetze nicht umgesetzt werden. Diese allein sorgen noch nicht für gerechte Verhältnisse. Die Frauenfrage lässt sich demnach auch nicht auf das Problem einer entsprechenden gesetzlichen Regelung reduzieren. Die Gründe für die Frauendiskriminierung liegen in Werthaltungen, die sich auf die Struktur unserer Gesellschaft auswirken, wogegen Gleich-stellungsgesetze offenbar zu wenig auszurichten vermögen.

Die heutige Gesellschaft bemisst Leistungen und honoriert diese einseitig mit Geld. Dieses verspricht Macht und Einfluss. Um dazuzugehören, verlangt sie vom Menschen physische und psychische Fit-ness und maximale finanzielle Produktivität. Und Menschen, denen es daran mangelt, sollen die Ge-sellschaft möglichst wenig kosten. Wer sorgebedürftig ist und nichts zum Bruttosozialprodukt bei-trägt, wird grundsätzlich benachteiligt: Kinder, Menschen mit Einschränkungen, Kranke, Betagte usw. – aber auch all jene, die sich um diese Glieder der Gesellschaft kümmern. Sorgeleistungen, die keinen finanziellen Gewinn abwerfen, werden rationalisiert und auch rationiert. Selbst existentielle Pflege- und Betreuungsleistungen wie Kinderbetreuung, Alten- und Krankenpflege, Unterstützung von Menschen mit einer Behinderung usw. müssen funktionalisiert werden, damit sie wiederum mit Geld gemessen werden können. So ist selbst die Suizidbegleitung zu einem Geschäftsmodell gewor-den.

Ein grosser Teil der Sorgearbeit wird in unserer Gesellschaft immer noch von Frauen erbracht – meist nicht bezahlt oder schlecht bezahlt. Es stellt sich die Frage, warum Frauen überhaupt dazu bereit sind, diese Sorgeleistungen überwiegend zu erbringen. Meine These ist, dass viele Frauen aufgrund von Schwangerschaft und Geburt früher und intensiver den Wert des Sorgens für andere Menschen und Sich-Kümmerns um sie an Leib und Seele erleben als Männer. Wegen der Vorbildfunktion der eigenen Mutter wirkt sich diese Haltung auch prägend auf Frauen aus, die keine Kinder haben. Ich bin überzeugt, dass erst wenn die in einer Gesellschaft zu erbringenden Sorgeleistungen gleichmässig auf Frauen und Männer verteilt sind und alle selbst die Sonnen- und Schattenseiten des Sich-Kümmerns um andere erleben können, sich die Gleichberechtigung der Frauen auch im gelebten Alltag durchsetzen wird. Dies würde wohl auch dazu führen, dass Sorgebedürftige weniger benach-teiligt werden.

Die gemeinsame Übernahme von Verantwortung für sorgebedürftige Menschen durch Männer und Frauen bildet eine Grundvoraussetzung für eine Gesellschaft, in der Gleichberechtigung und Humani-tät herrschen.

Dr. theol. Ruth Baumann-Hölzle
Institutsleiterin

 

© Stiftung Dialog Ethik, Zürich, 2019

Aktuell

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Kurse und Events

Informationsveranstaltung «Persönlich vorsorgen – was es dazu braucht»

Donnerstag, 26. September 2019
14.00 bis 16.00 Uhr
Kulturpark Zürich, 8005 Zürich

An­läss­lich un­se­res 20-Jahr-Jubiläums la­den wir Sie ganz herz­lich zu un­se­rer In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung über me­di­zi­ni­sche und recht­li­che Fra­gen der Vor­sor­ge ein. Da­bei wer­den Ex­per­tin­nen und Ex­per­ten Aus­kunft über ver­schie­de­ne As­pek­te ge­ben.

Die­se Ver­an­stal­tung ist kos­ten­los. Da die Platz­zahl be­schränkt ist, bitten wir Sie um eine An­mel­dung über info@dialog-ethik.ch.

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Thema im Fokus

  • TIF 140: Caring Communities: Gelebte Sorge­kultur
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    Die Men­schen brau­chen ei­nan­der, nicht nur für be­stimm­te Zwe­cke oder wenn sie sich al­lein nicht hel­fen kön­nen. Bin­dung, das Mit­ei­nan­der­sein ist eines un­se­rer Grund­be­dürf­nis­se. Die Art und Wei­se des Um­gangs mit­ei­nan­der wirkt sich auf un­ser Selbst­wert­ge­fühl und un­se­re Wahr­neh­mung von Selbst­be­stim­mung aus. Und erst im Zu­sam­men­sein kön­nen wei­te­re Be­dürf­nis­se, etwa das Tei­len von Freu­de oder Trau­er, be­frie­digt wer­den.

     

    Die Zeitschrift Thema im Fokus rich­tet sich an Fach­per­so­nen aus dem Ge­sund­heits- und So­zial­we­sen und al­le an ethi­schen Fra­gen in un­se­rer Ge­sell­schaft In­te­res­sier­ten. Sie wid­met sich ethi­schen Fra­gen im Ge­sund­heits­we­sen und in der Zi­vil­ge­sell­schaft.

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Varia

Gruppenberatung zu Patientenverfügung und Vorsorgedokumenten

Dienstag, 24. Sep­tem­ber 2019
14.00 bis 16.30 Uhr
Seminar­raum von Dia­log Ethik

In der Grup­pen­be­ra­tung mit ma­xi­mal 12 Teil­neh­men­den ver­mit­teln wir Basis­wis­sen über Pa­ti­en­ten­ver­fü­gun­gen und Vor­sorge­do­ku­mente und unter­stüt­zen Sie beim Aus­fül­len Ihrer Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung. In der Grup­pe pro­fi­tie­ren Sie auch von den An­lie­gen der an­de­ren Teil­neh­men­den.

Dauer
2,5 Stunden

Kosten
CHF 80.– pro Person, 70% Rabatt für Mit­glie­der des Förder­vereins Dialog Ethik

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