Kommentar zur Zeit vom 15. Januar 2020

Inwiefern tragen wir Verantwortung?

Wie jedes Jahr haben sich viele Menschen weltweit zum Jahreswechsel Glück und gute Gesundheit gewünscht. Das tun wir oft auch an Geburtstagen. Dahinter steht die Erfahrung, dass wir unser Leben nur beschränkt bestimmen können und auch Schicksalhaftes sich ereignen kann. Dazu gehören Krankheit, Sterben und Tod. Den Einflussmöglichkeiten von Medizin und Pflege sind hier Grenzen gesetzt, und insofern ist der Mensch nur beschränkt verantwortlich dafür, wenn er z. B. krank wird und stirbt.

Im Gegensatz dazu ist der Mensch der Urheber von kulturellen Leistungen und trägt für diese Verantwortung. Wie weit sie reicht, wird in Philosophie, Ethik und Recht eingehend diskutiert. Die Frage stellt sich uns ebenso immer wieder, auch ganz persönlich.

Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass lukrative Patientinnen und Patienten in der Medizin zum Teil überbehandelt werden und zugleich Menschen am Lebensende zu wenig Behandlung und Betreuung erfahren. Das medizinische und pflegerisches Personal, das bereit ist, solche Fehlbehandlungen durchzuführen, trägt hier teilweise auch eine Mitverantwortung. Ebenso haben sich die Arbeitsbedingungen im Gesundheits- und Sozialwesen aufgrund von Kosten- und Zeitdruck und erhöhtem administrativem Aufwand verschlechtert.

Für die Institutionen in einer demokratischen Gesellschaft trägt der Einzelne Verantwortung. Wie wohl in kaum einem anderen Land der Welt können die Bürgerinnen und Bürger in der Schweiz mittels politischer Instrumente ihre Institutionen mitgestalten. In diesem Zusammenhang fragt man sich auch, ob den im Gesundheits- und Sozialwesen Tätigen, die teilweise Einsicht ins System haben und Teil davon sind, aufgrund ihres besseren Wissens eine erhöhte Verantwortung zukommt. Zugleich stellt sich die Frage nach der Verantwortung der Politik, welche die entsprechenden Rahmenbedingungen setzt.

In Zeiten eines starken Wandels des gesellschaftlichen Klimas, von Populismus, Korruption und Einschüchterung der Presse auch in demokratisch verfassten Ländern stellt sich für uns die Frage nach der Reichweite unserer Verantwortung ganz besonders. Wie eine einzelne Person ihrer Verantwortung konkret nachkommen kann, ist in der jeweiligen Situation abzuklären. Institutionelle und gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen, bedingt in einer Demokratie Kooperation, Vernetzung und gemeinsames Engagement. Das ist zeitaufwendig und mühsam. Doch unser Anspruch auf Freiheit und Menschenwürde setzt die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, voraus. Auch wenn wir die vielen Nachrichten über verantwortungsloses, willkürliches Handeln weltweit schon nicht mehr vernehmen möchten: Wir dürfen uns unserer Verantwortung für eine humane Gesellschaft und eine lebenswerte Umwelt nicht entziehen.

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Dr. theol. Ruth Bau­mann-Hölzle
Institutsleiterin

 

 

 

 

 

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Samstagsseminar «Literatur und Philosophie 2020»

«Ein ‹anderes Leben›. Aber ‹welches›?»

Prof. Dr. Jean-Pierre Wils lei­tet die­ses Se­mi­nar, das 2020 an fünf Sams­ta­gen jeweils von 9.30 bis 15.30 Uhr statt­fin­det. Fol­gen­de The­men werden be­han­delt:

  1. 22. Februar 2020: «Das Zeit­alter des Immer-Mehr und seine Grenzen»
  2. 25. April 2020: «Wir sind uns nicht genug. Auf dem Weg zur neuen Gattung»
  3. 20. Juni 2020: «Signale des Ab­bruchs und des Auf­bruchs»
  4. 26. September 2020: «Alles ist möglich, einiges ist nötig»
  5. 21. November 2020: «Menschen mit Zukunfts­be­rechtigung»

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    Die Zeitschrift Thema im Fokus rich­tet sich an Fach­per­so­nen aus dem Ge­sund­heits- und So­zial­we­sen und al­le an ethi­schen Fra­gen in un­se­rer Ge­sell­schaft In­te­res­sier­ten. Sie wid­met sich ethi­schen Fra­gen im Ge­sund­heits­we­sen und in der Zi­vil­ge­sell­schaft.

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