Kommentar zur Zeit vom 23. Juni 2020

Patientenverfügungen und Gesundheitskosten

Die Corona-Krise hat die eigene Sterblichkeit vielen Menschen ganz neu ins Bewusstsein gebracht. Die Frage nach dem guten Leben und guten Sterben ist in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Dahinter verbirgt sich die existentielle Lebensfrage: «Wie möchte ich eigentlich leben, und wie möchte ich sterben?» Gute Patientenverfügungen thematisieren genau diese Fragen im Hinblick auf die Anwendung oder das Unterlassen von medizinischen Massnahmen: «Was ist mir wichtig, wenn ich krank, sehr krank, chronisch krank oder sterbend sein sollte?» Es ist denn auch der Sinn von Patientenverfügungen, einem Menschen zu einer ihm möglichst angemessenen Behandlung, Pflege und Betreuung zu verhelfen. Je nach Lebenssituation, Lebenswelt, Lebensentwurf und Gesundheitszustand stellen sich diese Fragen anders, und entsprechend verschieden fallen auch die Antworten aus. Unspezifische Patientenverfügungen, welche gesunde Menschen erstellen, sind jedoch noch kein Therapieplan. Sie zeigen auf, worauf ein Mensch in diesen unterschiedlichen Lebenssituationen bei medizinischen Massnahmen Wert legen würde. Eine allgemein verfasste Patientenverfügung ist deshalb noch keine Handlungsanweisung, sondern zeigt auf, worauf bei der Erstellung eines Therapieplanes zu achten ist.

Anders ist es, wenn Menschen mit einer bestimmten Diagnose eine Patientenverfügung erstellen und sie bereits über die konkreten Behandlungsmöglichkeiten informiert sind. Dann können sie ihren Willen sehr viel konkreter im Hinblick auf tatsächlich anstehende Behandlungsentscheidungen festlegen. Eine solche Patientenverfügung kommt einem Therapieplan schon sehr nahe. Formuliert ein Patient, eine Patientin gemeinsam mit dem zuständigen Arzt oder der Ärztin das weitere Vorgehen, dann handelt es sich bei einer solchen Patientenverfügung um eine Behandlungsvereinbarung, auf die sich beide Parteien gemeinsam festlegen.

Patientenverfügungen werden erst dann angewendet, wenn ein Mensch nicht mehr urteilsfähig ist. Sie hilft all denjenigen, die dann stellvertretend für den Patienten oder die Patientin entscheiden müssen, dies entsprechend den Vorstellungen und dem Willen der Patientin / des Patienten zu tun.

Es ist aber weder Sinn noch Zweck von Patientenverfügungen, Gesundheitskosten zu senken. Dahinter verbirgt sich ein altes Verständnis von Patientenverfügungen als Kampfinstrument gegen die unsinnige Anwendung von lebenserhaltenden Massnahmen. Patientenverfügungen sind aber nicht einfach Abwehrinstrumente. Sie fordern auch Therapie- und Pflegemassnahmen ein, wie z. B. eine palliative Behandlung, Pflege und Betreuung, wenn das Leben seinem Ende zugeht. Auch diese kosten.

Wie viele Ressourcen eine Gesellschaft dem Gesundheitswesen und damit den Patientinnen und Patienten zur Verfügung stellen soll, ist eine politisch zu klärende Frage. Die Politik legt den Auswahlrahmen fest. In diesem Rahmen müssen alle Menschen in einer Gesellschaft ohne ökonomische Anreize die ihnen angemes-senen medizinischen und pflegerischen Massnahmen zusammen mit den dafür verantwortlichen Fachkräften suchen und wählen können. Es geht nicht darum, finanzielle Anreize zu setzen, dass finanziell schlecht gestellte Personen in einer Gesellschaft auf sinnvolle Therapien mit einer Patientenverfügung verzichten, sondern das Anreizsystem des Gesundheitswesens auf Seiten der Leistungserbringer zur Mengenausweitung und Fehlversorgung ist zu ändern, und diese Fehlentwicklungen sind zu bekämpfen. Missbrauchsbeispiele gibt es derzeit genügend, die diesen aktuellen Handlungsbedarf zeigen.

ruth baumann ethik 7796 Pb

 

Dr. theol. Ruth Bau­mann-Hölzle
Institutsleiterin

 

 

 

 

 

 

 

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Aktuell

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Gruppenberatung zu Patientenverfügung und Vorsorgedokumenten (Termin I)

3. September 2020, 14.00 bis 16.30 Uhr, Seminarraum

In un­se­rer Grup­pen­be­ra­tung mit ma­xi­mal 12 Teil­neh­men­den ver­mit­telt lic. phil. Pat­ri­zia Kal­ber­mat­ten-Ca­sa­rotti Ba­sis­wis­sen über Pa­ti­en­ten­ver­fü­gun­gen und Vor­sor­ge­do­ku­men­te und un­ter­stützt Sie bei de­ren Er­stel­lung. In der Grup­pe er­hal­ten Sie auch An­re­gun­gen durch die An­lie­gen der an­de­ren Teil­neh­men­den.

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Thema im Fokus

  • «Wir wissen es nicht» – «dieses Ein­ge­ständ­nis habe ich bei so man­chen Ex­per­ten­aus­sa­gen ver­misst», sagt Pro­fes­sor Reto Sto­cker in seiner auf die ver­gan­ge­nen Mo­na­te be­zo­ge­nen Re­tro­spek­ti­ve als In­ten­siv­me­di­zi­ner (Sei­te 34). Viele Fra­gen rund um Co­vid-19 sei­en of­fen, weil For­schungs­re­sul­ta­te, er­mit­telt nach wis­sen­schaft­li­chen Kri­te­ri­en, schlicht noch nicht vor­lie­gen wür­den.

    Keine Ant­wor­ten auf bren­nen­de Fra­gen be­kom­men, da­mit müs­sen wir in die­ser Krise le­ben. Das heisst aber nicht, dass wir keine Fra­gen stel­len dür­fen, im Ge­gen­teil! Hin­schau­en, da­hin­ter schau­en – die­sem An­spruch wol­len wir in un­se­rer Juni-Aus­ga­be des Ma­ga­zins «Thema im Fokus» in­halt­lich ge­recht wer­den.

     

    Die Zeitschrift Thema im Fokus rich­tet sich an Fach­per­so­nen aus dem Ge­sund­heits- und So­zial­we­sen und al­le an ethi­schen Fra­gen in un­se­rer Ge­sell­schaft In­te­res­sier­ten. Sie wid­met sich ethi­schen Fra­gen im Ge­sund­heits­we­sen und in der Zi­vil­ge­sell­schaft.

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