Kommentar zur Zeit vom 17. Oktober 2019

Gedanken zur bevorstehenden Wahl von National- und Ständerat 

Am 20. Oktober 2019 wird in der Schweiz das Parlament, die kleine und die grosse Kammer, neu bestellt. Wahl- und Stimm­recht stellen Freiheits­rechte dar und basieren als solche auf dem Grund­an­spruch jedes Menschen auf Auto­nomie. Dieser Be­griff geht auf den Philo­sophen Immanuel Kant zurück und be­deutet «auto-nomos», «Selbst-Gesetz­gebung». Da­mit ist zweier­lei ge­meint: Zum einen ver­hindert das Wahl­recht in einem Staat die Instrumentalisierung seiner Bürger, denn diese werden gefragt, von wem sie künftig ver­treten sein wollen. Zum anderen gehört zur «Selbst­gesetz­gebung», dass sie be­reit sind, ihre eigenen In­te­res­sen hinter das Ge­mein­wohl einer Ge­sell­schaft zu stel­len. Denn Frei­heit als Auto­nomie unter­scheidet sich von will­kürlicher Selbst­be­stimmung durch die Be­reit­schaft, zu­gunsten des All­ge­mein­wohls den eigenen Ent­schei­dungs- und Hand­lungs­spiel­raum zu be­grenzen. Frei­heit in diesem Sinn be­deu­tet nicht, will­kür­lich tun und las­sen zu können, was man ge­rade will, so­wie die Maxi­mie­rung der Eigen­in­te­res­sen, son­dern um­fasst stets die Über­nahme von Ver­ant­wor­tung gegen­über ande­ren Men­schen. Sie stellt den be­wuss­ten Ver­zicht auf Will­kür und auf den Kampf um In­te­res­sen dar. Bei der «Selbst­ge­setz­gebung» geht es im­mer um das an­ge­mes­se­ne Ent­schei­den und Han­deln in kon­kre­ten Si­tua­ti­o­nen. Dies ist nur möglich im Dialog mit anderen Menschen, in dem die un­ter­schied­li­chen An­sich­ten in Hin­blick auf ein gu­tes Le­ben für alle aus­ge­tauscht wer­den. Im Alt­grie­chi­schen be­deutet «Ich wähle» «dia­lego», was etwa heisst, «sich ver­nünf­tig zu unter­hal­ten» und «Mei­nun­gen aus­zu­tau­schen». Dies ist in unse­rer frag­men­ti­er­ten und kom­ple­xen Welt für an­ge­mes­se­nes Ent­schei­den und Han­deln wich­ti­ger denn je. Häu­fig kommt es da­bei zu Di­lem­ma­si­tu­a­ti­o­nen, die man nie lö­sen, mit denen man nur bes­ser oder schlech­ter um­ge­hen kann.

Das ge­mein­sa­me Rin­gen um rich­ti­ge Ent­schei­dun­gen in un­se­rer im­mer we­ni­ger durch­schau­ba­ren Welt setzt so­wohl den Res­pekt vor der Mei­nung von An­ders­den­ken­den als auch die Re­la­ti­vie­rung der eige­nen In­te­res­sen vo­raus. Dies sind aus meiner Sicht zwei gute Kri­te­ri­en für die Wahl von Po­li­ti­ke­rin­nen und Po­li­ti­kern. Es emp­fiehlt sich, nur solche Kan­di­die­ren­de ins Par­la­ment zu wäh­len, die An­ders­den­ken­de res­pek­tie­ren und ihre Eigen­in­te­res­sen kri­tisch hin­ter­fra­gen.

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Dr. theol. Ruth Bau­mann-Hölzle
Institutsleiterin

 

 

 

 

 

© Stiftung Dialog Ethik, Zürich, 2019

 

Aktuell

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Kurse und Events

Jubiläums-Ethik-Foren-Treffen 2019

«Von der Information zum Dialog – mehr­di­men­si­o­na­le Kom­mu­ni­ka­ti­on in Spital und Heim»

Donners­tag, 28. No­vem­ber 2019
13.30 bis 18.00 Uhr (mit an­schlies­sen­dem Apéro)
Kinder­spital Zürich

Das Jubiläums-Ethik-Foren-Treffen am Kinder­spital Zürich zu «20 Jahre Dialog Ethik» be­schäftigt sich mit den ver­schie­de­nen Fa­cet­ten des Ver­hält­nis­ses von In­for­ma­ti­on und Dialog in Spital und Heim.

Das Ethik-Foren-Treffen rich­tet sich an alle in Or­ga­ni­sa­ti­o­nen des Ge­sund­heits­we­sens tä­ti­gen Fach­per­so­nen.

Wei­te­re In­for­ma­ti­o­nen fin­den Sie auf dieser Seite und diesem Flyer.

Anmeldung
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Thema im Fokus

  • Wegen des Vor­schlags der eid­ge­nös­si­schen Volks­ini­ti­a­ti­ve «Or­gan­spen­de för­dern – Le­ben ret­ten» der Jeu­ne Chamb­re In­ter­na­ti­o­nale (JCI) für eine Ge­set­zes­än­de­rung ist die De­bat­te um die ge­setz­li­chen Richt­li­ni­en der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin, ge­nau­er der Or­gan­spen­de, wie­der ak­tu­ell. Ge­mäss der Ini­ti­a­ti­ve wür­den al­le Er­wach­se­nen, die die me­di­zi­ni­schen Kri­te­ri­en er­fül­len, zu Or­gan­spen­dern, wenn sie dem nicht zu Leb­zei­ten wi­der­spro­chen ha­ben.

     

    Die Zeitschrift Thema im Fokus rich­tet sich an Fach­per­so­nen aus dem Ge­sund­heits- und So­zial­we­sen und al­le an ethi­schen Fra­gen in un­se­rer Ge­sell­schaft In­te­res­sier­ten. Sie wid­met sich ethi­schen Fra­gen im Ge­sund­heits­we­sen und in der Zi­vil­ge­sell­schaft.

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Varia

Buch

«Eid und Ethos (Auf dem Weg zu einem neuen Gelöbnis für Ärzte und Ärztinnen)»

von Jean-Pierre Wils und Ruth Baumann-Hölzle

«Eid und Ethos» in­for­mi­ert um­fas­send über die über­ra­schen­de Re­nais­san­ce des ärzt­li­chen Eides und über den «Schweizer Eid» im Be­son­dern.

Lange Zeit galt der ärzt­li­che Eid als ein ver­al­te­tes In­stru­ment der Stan­des­wah­rung, das mo­der­nen Ge­sund­heits­we­sen nicht an­ge­mes­sen sei. In­zwi­schen meh­ren sich die An­zei­chen, dass der wach­sen­de markt­wirt­schaft­li­che Druck auf die me­di­zi­ni­sche Tä­tig­keit das Be­rufs­ethos zu ent­ker­nen be­ginnt. Die­ses Buch zeigt den Weg auf, der zu die­ser Um­keh­rung der Pri­o­ri­tä­ten ge­führt hat, er­in­nert an die es­sen­ti­el­len Auf­ga­ben der Me­di­zin und führt zu einem Eid­vor­schlag, der be­reits in et­li­chen In­sti­tu­ti­o­nen in der Schweiz im­ple­men­ti­ert wor­den ist.

Die­ses Buch kön­nen Sie hier be­stel­len.

Coverbild Eid Ethos 72dpi RGB

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