Kommentar zur Zeit vom 14. April 2021

Einladung zum Dialog in der Covid-19-Pandemie

Die Covid-19-Pandemie spaltet zunehmend die Gesellschaft. Der Tonfall in der Öffentlichkeit und in den sozialen Netzwerken wirkt angespannt. Das ist auch in Spitälern und Heimen so. Gefühle wie Wut, Angst und Ohnmacht im täglichen Umgang miteinander machen sich breit. Statt einer sachlichen Auseinandersetzung mit rationalen Argumenten wird zunehmend auf die Person gespielt. Statt den andern als Chance wahrzunehmen, die eigene, stets begrenzte Sicht erweitern zu können, wird das Gegenüber vom Gesprächspartner auf Augenhöhe zunehmend zum Feind, den es zu bekämpfen gilt. Die folgenden fünf Dialogregeln sollen dazu einladen, die eigene Position aus der Perspektive von Andersdenkenden zu hinterfragen und sich auf einen Dialog mit ihnen einzulassen.

Bei den Auseinandersetzungen um Corona lassen sich drei Konfliktfelder ausmachen: der Faktenstreit, Interessenkonflikte und Wert- und Normenkonflikte.

Faktenstreit

Beim Faktenstreit wird aktuell über die Gefährlichkeit des Coronavirus, die Wirkung von politischen Massnahmen und die Wirksamkeit bzw. das Schädigungspotential von Impfungen debattiert. Ein Faktenstreit, der die Beteiligten weiterführt, setzt voraus, dass die Faktenquellen frei zugänglich und die Beteiligten bereit sind, sich auch auf Fakten einzulassen, die ihre Meinung in Frage stellen. Faktenaussagen beschreiben, was ist. Sie müssen überprüfbar sein und sind entweder richtig oder falsch. Sie zeigen auf, was man tun kann und was nicht. Moralisch gesehen kann ich nur verlangen, was man auch tun kann. Ein Sollen setzt das Können voraus, wie Immanuel Kant sagt. Daraus ergibt sich die erste Dialogregel:

Dialogregel 1: Perspektivenvielfalt

Notwendig ist die Bereitschaft, die Grenzen des eigenen Wissens zu akzeptieren und den anderen als Quelle von anderem Wissen zu respektieren. Die Perspektivenvielfalt bildet eine Voraussetzung für einen Wissensgewinn.

Interessenkonflikte

Das Tun des Menschen ist stark interessengeleitet. Ist die Interessenlage eines Menschen bekannt, kann man sein Entscheiden und Handeln meist besser nachvollziehen und auch verstehen, selbst wenn man damit nicht einverstanden ist. Werden die unterschiedlichen Interessen nicht offengelegt, kann das einen Entscheidungsfindungsprozess zum Scheitern bringen.

Dialogregel 2: Interessentransparenz

Die eigenen Interessen sich bewusst machen und dem Dialogpartner / der Dialogpartnerin gegenüber offenlegen. Interessentransparenz bildet eine Voraussetzung für gegenseitiges Verständnis.

Interessen sind starke Triebfedern für das Tun des Menschen, können aber sein Handeln nicht moralisch begründen. So handeln Menschen manchmal sogar entgegen ihren eigenen Interessen, wenn sie diese für moralisch nicht vertretbar erachten. Auch die Gesellschaft zwingt sie, sich der herrschenden Ordnung gemäss moralisch konform zu verhalten.

Werte- und Normenkonflikte

Unterschiedliche Moralvorstellungen führen zu verschiedenen Handlungsprioritäten. Am offenkundigsten ist der Wertestreit in der Pandemie bezüglich der Priorisierung von Gesundheit und Schutz des Lebens gegenüber der von individuellen Freiheitsrechten. Dieser Wertekonflikt wird oft als ein Konflikt zwischen individuellem Eigennutz und gesellschaftlicher Solidarität oder als einer zwischen staatlichem Zwang und einer Gesellschaft von freien Menschen gesehen.

Bei Wertekonflikten können wir nicht beweisen, dass unsere Position die richtige ist. Wie bei der Perspektivenvielfalt zu den vorhandenen Fakten geben sie uns die Gelegenheit, über eigene Wertvorstellungen nachzudenken, darüber, was wir als «gut» oder «schlecht» erachten.

Dialogregel 3: Vielfalt der Moralvorstellungen

Unterschiedliche Wertvorstellungen wahrzunehmen und zu respektieren, bildet die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben in einer Gesellschaft.

Menschwürde und Menschenrechte als übergeordnete Wertvoraussetzung (Metamoral)

Die Menschenwürde und die Menschenrechte begründen die Freiheitsrechte, die allen Menschen unabhängig von Eigenschaften und Fähigkeiten zustehen. Jegliches Entscheiden und Handeln hat sich an ihnen zu messen. Daraus ergibt sich die vierte Dialogregel:

Dialogregel 4: Akzeptanz der Menschenwürde und der Menschenrechte

Die eigenen Moralvorstellungen haben sich nach dem Grundsatz zu richten, dass in einer humanen Gesellschaft allen Menschen die gleiche Würde und die gleichen Rechte zukommen.

Menschen haben bei uns die Freiheit einer Selbstschädigung aber nicht die der Fremdschädigung. Konkretes hierzu hinsichtlich Pandemiemassnahmen regelt das Epidemiengesetz, das von der Bevölkerung demokratisch legitimiert wurde. Gleichwohl werden die Grundrechte dadurch nicht ausser Kraft gesetzt, sondern Pandemiemassnahmen müssen im Hinblick auf Grundrechtseinschränkungen verhältnismässig sein.

Der Gesundheitsschutz und der Schutz der Freiheitsrechte stehen sich heutzutage zunehmend gegenüber. Das Dilemma zeigt sich deutlich am Beispiel der zum Teil gegen ihren Willen eingesperrten Menschen in Alters- und Pflegeheimen und in der Gerechtigkeitsproblematik junger Menschen. Diese sind von den Gefahren des Virus weniger betroffen als ältere Menschen und Risikogruppen. Sie werden es aber vor allem sein, die die längerfristigen Konsequenzen der heutigen Epidemienpolitik zu tragen haben.

Partizipationsanspruch

Dilemmata lassen sich nie lösen – sonst wären sie keine –, man kann aber besser oder schlechter damit umgehen. Gemeinsames Suchen nach ethisch vertretbarem Handeln führt, ausser in Notfallsituationen, stets aus dem Entweder-oder hinaus und zeigt aufgrund der erweiterten Sichtweise der Beteiligten neue Handlungsmöglichkeiten auf. Dies aber setzt voraus, dass alle Betroffenen direkt oder indirekt gleichgewichtig am Dialog teilnehmen können. Daraus folgt die fünfte Dialogregel:

Dialogregel 5: Partizipationsanspruch

Alle Betroffenen haben den Anspruch, direkt oder zumindest vertretungsmässig am Entscheidungsfindungsprozess beteiligt zu sein.

Es ist ein Gebot der Stunde, mit den jungen Menschen an einen Tisch zu sitzen. Die Initiative der Jungparteien, sich aktiv an der gesellschaftlichen Gestaltung im Umgang mit der Pandemie beteiligen zu wollen, ist ernst zu nehmen und in die politischen Prozesse einzubinden.

Diese fünf Dialogregeln basieren auf der Bereitschaft, andere Menschen als einem gleichwertig zu respektieren und mit ihnen aufrichtig zu kommunizieren, auch im Wissen darum, dass keiner der Beteiligten über die Wahrheit verfügt.

ruth baumann ethik 7796 Pb

 

Dr. theol. Ruth Bau­mann-Hölzle
Institutsleiterin

 

 

 

 

 

 

 

© 2021 Stiftung Dialog Ethik, Zürich

 

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Kurs vom 8. Juni 2021

«Ethik in der Drogerie – aus der Praxis für die Praxis»

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Zweitägiger Kurs für Ärztinnen und Ärzte vom 21. / 22. Juni 2021

«Sterben und Tod»

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Einzelbüro zur Untermiete

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General­ver­sammlung und Jahres­versand des Förder­vereins 2021

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Publikationen

  • TIF 147: Verfahren zur Zulassung von Medikamenten und Impfstoffen
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    Die Ver­fah­ren zur Zu­las­sung von Me­di­ka­men­ten und Impf­stof­fen ha­ben durch Co­ro­na eine neue Dy­na­mik ent­wi­ckelt. Das hat uns in die­ser Aus­gabe des Ma­ga­zins «Thema im Fokus» dazu mo­ti­vi­ert, ge­nau­er hin­zu­schau­en und ver­schie­de­ne As­pek­te zu be­leuch­ten.

    Eine Lese­probe und wei­tere In­for­ma­ti­o­nen fin­den Sie hier.

    Thema der nächsten Aus­ga­be
    (Nr. 148, 15. Juni. 2021):
    «Ge­ni­a­li­tät und Eitel­keit – Macht und Machen­schaf­ten in der hoch­spe­zi­a­li­si­er­ten Me­di­zin»

     

    Neues Positionspapier

    Positionspapier Sterbehilfe Cover Rahmen small

    Sozialethische Überlegungen zum Umgang mit Sterben und Tod
    Acht Thesen und Forderungen für den Umgang mit Suizid und Suizid­beihilfe

    von Stiftung Dialog Ethik (Hrsg.)

    Dia­log Ethik setzt sich mit die­sem neuen Posi­tions­pa­pier für eine hu­ma­ne Ster­be­kul­tur im Sin­ne von pro­fes­sio­nel­ler Pal­lia­tive Care ein. Fo­kus­siert wird da­rin schwer­punkt­mäs­sig auf den ge­sell­schaft­li­chen Um­gang mit der Sui­zid­bei­hilfe aus einer so­zi­al­ethi­schen Per­spek­ti­ve. Nach­ge­gan­gen wird auch der Frage, ob es Ge­fäng­nis­in­sas­sen mög­lich sein soll, mit Sui­zid­bei­hilfe aus dem Le­ben zu schei­den.

    Sie kön­nen das neue Po­si­tions­pa­pier als PDF-Do­ku­ment in un­se­rem Web­shop be­stel­len.

    Neues Angebot:

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    Die aus­füll­ba­re, in­ter­ak­ti­ve Lis­te aller Pu­bli­ka­ti­o­nen von Dia­log Ethik kön­nen Sie hier he­run­ter­la­den. Diese Liste fin­den Sie auch in un­se­rem Webshop.

     

    Die Zeitschrift Thema im Fokus rich­tet sich an Fach­per­so­nen aus dem Ge­sund­heits- und So­zial­we­sen und al­le an ethi­schen Fra­gen in un­se­rer Ge­sell­schaft In­te­res­sier­ten. Sie wid­met sich ethi­schen Fra­gen im Ge­sund­heits­we­sen und in der Zi­vil­ge­sell­schaft.

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Corona-Situation

Coronavirus weisser Hintergrund

Videos / Filme

Blick TV: Das sa­gen Ex­per­ten zum Impf-Plan von Alain Ber­set (22. April 2021; Sen­dung mit Ruth Bau­mann-Hölzle)

Talk vom 14. April 2021 zum Film «DIA­LOG im Kri­sen­jahr 2020» von Ci­ril Ca­men. Po­diums­gäste: Da­niel Stri­cker (Stri­ckerTV) und Beat Glog­ger (higgs.ch). Mo­de­ra­tion: Ruth Bau­mann-Hölzle (Dialog Ethik).

«DIALOG im Krisen­jahr 2020»: Ab­schluss­arbeit von Ci­ril Ca­men (SAE Zürich) mit einem In­ter­view mit Ruth Bau­mann-Hölzle (3.3.2021).

«Aus­nah­me­zu­stand: Tod und Trauer»: On­line-Ver­an­stal­tung vom 24.2.2021 mit Ruth Bau­mann-Hölzle und Stef­fen Eych­mül­ler (Lei­ten­der Arzt Pal­li­a­tiv­zen­trum, In­sel­spi­tal Bern). Ver­an­stal­ter: «Polit-Forum Bern im Käfig­turm».

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Artikel / Stellungnahmen

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Merkblätter / Empfehlungen

 

Medien­mit­teilungen

BAG Logo PSY Wohlbefinden rgb d

pdf Gemeinsame Medien­mit­teilung des Ambulatoriums Aarau (Klinik Schützen Rhein­felden) und der Stiftung Dialog Ethik zum «Aktions­tag Psychische Gesund­heit in der Schweiz» (9.12.2020) (249 KB)  

Inclusion Handicap

«Men­schen mit Be­hin­de­run­gen aus in­ten­siv­me­di­zi­ni­schen Be­hand­lun­gen aus­ge­schlos­sen» (10.11.2020)

Weitere Dokumente von Inclusion Handi­cap finden Sie hier.

Voir le communiqué de presse en français.

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